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Bischof Josef von Lipp

Waisenkind - Bettelstudent - Bischof
Eine nicht alltägliche Karriere: Bischof Josef von Lipp (1795 - 1869)

Der Lebenslauf von Bischof Josef von Lipp widerspricht vielen damaligen wie heutigen Vorurteilen über die Möglichkeiten von Kindern, sich moralisch wie intellektuell zu herausragenden Persönlichkeiten entwickeln zu können.

Da heißt es: Wer in einer finanziell und beruflich gut gestellten Familie oder Gemeinschaft groß wird, hat Möglichkeiten, die einem Kind armer und einfacher Eltern, Stiefeltern oder Erziehungsberechtigten versperrt bleiben. Oder: Aus einem Einzelkind wird ein Erwachsener, der sich verwöhnen lassen will, der sich mit den Regeln des gemeinschaftlichen Lebens schwer tut, der zu einem Egoisten wird. Oder: Wenn jemand aus einfachen Verhältnissen Karriere gemacht hat, schämt er sich seiner Herkunft.

Josef Lipp stammte aus ärmlichsten Verhältnissen. Geboren am 24.3.1795 in Holzhausen im Ostalbkreis als Sohn des Schmiedes Wilhelm Lipp und seiner Frau Maria geb. Widmann und im nahegelangenen Leinzell getauft, verlor er als einjähriges Kind innerhalb von zwei Wochen Vater und Mutter, die beide an Typhus starben. Er kannte seine Eltern nur vom Hörensagen und er war ein Einzelkind! Margarete Romler, eine Schwester seiner Mutter und deren Mann, die selber keine Kinder hatten, adoptierten ihn und sorgten sich mit großer Liebe um ihn in Heubach-Lautern (Ostalbkreis), wo er bis 1808 lebte. Als Bischof ließ er als dankbarer Sohn seinen Pflegeeltern eine Dankestafel in der Pfarrkirche zu Lautern anbringen.

Der Entdecker des kleinen Josef war der damalige Lauterner Pfarrer Michael Ziegler, der ihm zusätzlich zum Schulunterricht in der Elementarschule von Lautern Privatstunden gab. So vorbereitet, besuchte Josef Lipp von 1808-1815 das Peutinger Gymnasium in Ellwangen (heute: Landgericht neben der evangelischen Stadtkirche). Es war niemand vor Ort den er kannte; er hatte nur ein kleines Zimmer, das war alles. Er sah sich gezwungen, jeden Tag bei einer anderen Familie das Mittagessen einzunehmen; durch alle möglichen Arbeiten und durch den Heimatpfarrer versuchte er, zu etwas Geld zu kommen. Von seinen armen Pflegeeltern konnte er kaum finanzielle Unterstützung erwarten.

Von 1815 bis 1817 studierte er auf der Friedrichsuniversität in Ellwangen. Ein damaliger Kaplan wurde auf den jungen Studenten aufmerksam und gab ihm Kost und Logis in seiner St. Nepomuk-Kaplanei (heute Pfarramt!). 1817 wurde die Friedrichsuniversität aufgelöst. Die Theologische Fakultät wurde Teil der Universität Tübingen. Als Bester seines Jahrgangs legte er im Sommer 1818 die Prüfung ab. Es folgte die Zeit im Rottenburger Priesterseminar, die Priesterweihe, die Seelsorge als Vikar, Repetent am Wilhelmstift Tübingen (Theologenkonvikt bis heute), Lehrer (Latein-Griechisch-Religion) in Schwäbisch Gmünd und schließlich 1825 als Gymnasialprofessor und 1833 Rektor des Gymnasiums in Ehingen/Donau. Als Josef Lipp 1845 in Ehingen Stadtpfarrer und Dekan mit dem Titel Kirchenrat wurde, geschah dies auf ausdrückliche Aufforderung der Bürgerschaft, die Lipp sehr schätzte.

Im Streit um den Nachfolger des ersten Rottenburger Bischofs Johann Baptist von Keller(†1845) zwischen Romtreuen und Staatkirchlern wurde schließlich Lipp von allen Beteiligten als Kompromisskandidat mit dem Ruf, schwach und damit leitbar zu sein, akzeptiert. Nach der Bischofsweihe im Freiburger Münster, versehen mit dem württembergischen Adelstitel wurde Josef von Lipp an seinem Namenstag, dem 19.3.1848 als zweiter Bischof von Rottenburg im Rottenburger Dom in sein Amt eingesetzt. Er überraschte alle Seiten: Weder von der einen noch der anderen Seite ließ er sich vereinnahmen. Er steuerte einen auf Ausgleich bedachten eigenen Kurs im Domkapitel wie auch gegenüber der Regierung in Stuttgart. Die Beziehung zwischen ihm und dem König war so gut, dass 1854, im Geburtsjahr der St. Josefspflege, eine Vereinbarung getroffen werden konnte. Leider verweigerte die römische Kurie dem von ihr als Privatkonkordat bezeichneten Abkommen die Zustimmung, so dass man ab 1862 bis 1918 mit einer anderen Regelung auskommen musste, in der die Stellung der Kirche schlechter war als im Abkommen von 1854. Mit aller Macht aber widmete sich von Lipp der Seelsorge und besonders der Caritas. Sein Leitspruch als Bischof war nicht von ungefähr: Ego sum pastor bonus (Ich bin der gute Hirte) (Joh 10,11), sein Ehrentitel lautet zurecht: Vater der Armen.

Nicht nur die St. Josefspflege, auch die übrigen damals entstehenden Kinderrettungsanstalten verdanken finanziell wie ideell seinem Engagement Entscheidendes. Sein im Nachlass vorhandenes Spendenbuch gibt Einblick in die vielen Hilfen, die er Kinderheimen, Spitälern, karitativen Initiativen, Hilferufen aus der Diözese und über sie hinaus zukommen ließ, u.a. auch an Adolf Kolping in Köln, dessen Originaldankesschreiben im Nachlass des Rottenburger Diözesanarchivs erhalten ist.

Seine Hochschätzung der Kunst gegenüber offenbarte er 1862, als er vom Rottweiler Stadtpfarrer den Kirchenkunstschatz aufkaufte und damit den Grundstock für das Diözesanmuseum in Rottenburg legte.

Ohne das vom Bischof zugesagte Darlehen wäre 1865 in Stuttgart nicht das erste Gesellenhaus (Kolpinghaus) gebaut worden. Auch Verwandte, Schriftsteller, Künstler erhielten Geldzuwendungen. Mit Abstand am meisten erwähnt und mit hohen Guldenbeträgen bedacht wurde aber die St. Josefspflege, die er in seinem Testament als Universalerbin einsetzte. Er wusste aus der Erinnerung an seine Kindheit und Jugend, was es heißt, arm, elend und allein zu sein.

Sein politisches Geschick ersparte der Diözese massive Auseinandersetzungen mit dem Königreich Württemberg, ihm gab es Raum und Zeit für den geistlichen Aufbau der Diözese, für seine vielen Gemeindebesuche, davon vier in Mulfingen, die Erarbeitung des ersten Gesangbuches 1865, Teilnahme an Exerzitien seiner Priester u.a.m. Seine ruhige, sachliche Art fand weite Zustimmung, konnte aber nicht verhindern, dass 100 radikal romtreue Priester der Diözese um den Rottenburger Leiter des Priesterseminars, Mast, ihn über Jahre ohne jegliche Ahnung seinerseits in Rom denunzierten. Die Aufdeckung dieser Machenschaften brach seinen Lebenswillen. Völlig überraschend starb er am 3. Mai 1869 nachmittags in seinem Schlafzimmer.

Fürwahr, die St. Josefspflege kann und die Diözese sollte noch mehr als bislang stolz auf diesen Bischof sein und ihn und sein Lebenswerk als Leitbild ihres Denkens und Handelns schätzen!